Synopsis

Unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wird durch krisenhafte Entwicklungen zunehmend in Frage gestellt und eine Antwort ist nicht in Sicht. Die politischen und wirtschaftlich Mächtigen wurden zum Großteil an den besten Schulen und Universitäten ausgebildet. Ihre Ratlosigkeit ist deutlich zu spüren und an die Stelle einer langfristigen Perspektive ist kurzatmiger Aktionismus getreten.

Mit erschreckender Deutlichkeit wird nun sichtbar, dass uns die Grenzen unseres Denkens von Kindheit an zu eng gesteckt wurden. Egal, welche Schule wir besucht haben, bewegen wir uns in Denkmustern, die aus der Frühzeit der Industrialisierung stammen, als es darum ging, die Menschen zu gut funktionierenden Rädchen einer arbeitsteiligen Produktionsgesellschaft auszubilden. Die Lehrinhalte haben sich seither stark verändert und die Schule ist auch kein Ort des autoritären Drills mehr. Doch die Fixierung auf normierte Standards beherrscht den Unterricht mehr denn je.

Denn neuerdings weht an den Schulen ein rauer Wind. „Leistung“ als Fetisch der Wettbewerbsgesellschaft ist weltweit zum unerbittlichen Maß aller Dinge geworden. Doch die einseitige Ausrichtung auf technokratische Lernziele und auf die fehlerfreie Wiedergabe isolierter Wissensinhalte lässt genau jene spielerische Kreativität verkümmern, die uns helfen könnte, ohne Angst vor dem Scheitern nach neuen Lösungen zu suchen.

  • Runtime: 113 min
  • Project Title: Alphabet - Angst oder Liebe
  • Category: Retrospektive Erwin Wagenhofer
  • Project type: Documentary
  • Genres: Education
  • Completion Date: 11 October 2013
  • Country of Origin: Austria
  • Country of Filming: Austria, China, France, Germany
  • Language: German, Chinese, English, French
  • Aspect Ratio: 1 : 1,85
  • Film Color: Color
Erwin Wagenhofer

Director Biography - Erwin Wagenhofer

Erwin Wagenhofer, Filmemacher, lebt und arbeitet in Wien und Sardinien. Dozent an verschiedenen Hochschulen / Universitäten (Universität für angewandte Kunst Wien, Donauuniversität Krems, HSG St. Gallen).

2019 But Beautiful 

2013 Alphabet 

2011 Black Brown White 

2008 Let’s Make Money 

2005 We Feed the World

Director Statement

Nach zwei Filmen – über den Umgang mit Nahrung (We feed the World) und Geld (Let’s make Money) – stellte ich mir die Frage, warum kommt es überhaupt zu solchen Fehlentwicklungen und Verwerfungen?

  • Warum geraten Kulturen und Gesellschaften, die sich als hoch entwickelt sehen, in den Strudel von gewaltigen Krisen?
  • Warum sind wir so unglücklich, obwohl wir scheinbar alles haben?
  • Warum leben wir oder viele von uns in ständiger Angst/Existenzangst, obwohl unsere Volkswirtschaften einen unfassbaren Reichtum hergestellt haben?
  • Warum funktioniert die Verteilung dieses Reichtums so schlecht?
  • Warum ziehen wir das System der geschlossenen Angstgesellschaft einer offenen, freienGesellschaft vor?
  • Warum leben wir in einer Erwerbsgesellschaft und nicht in einer Tätigkeitsgesellschaft?

Auf all diese Fragen würde ich gerne versuchen, mit dem vorliegenden Filmprojekt eine mögliche Antwort zu finden, und diese Antwort – darin sind sich Experten und Denker, Wissenschaftler wie Laien einig – lautet: Es liegt daran, wie wir auf dieses Leben vorbereitet werden, wie wir erzogen, sozialisiert und letztlich gebildet werden, mit anderen Worten, welches ”Alphabet” wir übergestülpt bekommen, mit dem wir dann ausgerüstet auf und in die Welt losgehen.

 Die Idee zu diesem Film war also nicht Bildungssysteme miteinander zu vergleichen oder gar zu bewerten, sondern von einem nicht mehr tauglichen ist-Zustand ausgehend, die Menschen auf eine Reise einzuladen, deren Ziel es ist, in Bewegung zu kommen, um selbst die ersten Schritte zu tun. Leben meint bewegung. Demokratie meint so viele, wie nur möglich. Die Verantwortung für die Folgen unseres Handelns zu übernehmen, meint uns alle. Es ging darum, vor der eigenen Haustüre zu kehren. Denn eines ist klar, unser westliches Modell einer sogenannten modernen, fortschrittlichen Gesellschaft ist einerseits ins Stocken geraten und an seine Grenzen gestoßen und wird andererseits als alternativloses Patentrezept verkauft. Es ist aber weder ehrenhaft noch verantwortungsvoll, etwas als die einzige Lösung in die Welt hinaus zu posaunen, was längst vergangen ist. Denn das Neue ist nicht die Fortschreibung des Alten, wie uns die Geschichte lehrt.